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Hamburg, Carl von Ossietzky

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Borcherts Leben

Biografische Stationen in der Ausstellung

Borcherts (Werk-)Biografie haben wir in vier Stationen nachvollzogen: Kindheit und Jugend (1921-1939), Buchhandels- und Theaterzeit (1939-1941), Krieg, Lazarett, Gefängnis (1941-1945) sowie Krankheit und Werk (1945-1947). Die in den Schubladen befindlichen Dokumente, die Objekte in den Glaskuben, die Blätterbücher mit Texten Borcherts und die verwendeten Abbildungen/Fotos können nur vor Ort besichtigt werden. Die Texte sind hier auch digital zu finden.

Kindheit und Jugend (1921-1939)

Wolfgang Borchert wird am 20. Mai 1921 als einziges Kind von Hertha und Fritz Borchert in Hamburg-Eppendorf geboren. Seine Eltern waren einige Jahre zuvor aus den ländlichen Vierlanden in die benachbarte Großstadt gezogen, wo Fritz Borchert eine Anstellung als Lehrer gefunden hatte. Das pulsierende kulturelle Leben der Metropole fasziniert sie. Während sich Fritz Borchert dem Aufbau einer Familienbibliothek widmet, beginnt Hertha Borchert Mitte der 1920er Jahre, selbst Geschichten auf Plattdeutsch zu Papier zu bringen.

Ihr Sohn Wolfgang ist ein fröhliches, übermütiges Kind. Wie der Großteil seiner Altersgenossen ist er Mitglied der Hitler-Jugend. Bald erwacht aber das rebellische Gemüt des Heranwachsenden. Nationalsozialistischen Leitbegriffen wie Disziplin und Gehorsam widersetzt sich Borchert intuitiv. Er sieht in seinen Eltern angepasste Spießer, kleidet sich auffällig, hört Swingmusik und bringt immer schlechtere Zeugnisse nach Hause.

Zu seiner größten Leidenschaft entwickelt sich die Literatur. Mit 15 Jahren beginnt er, Gedichte zu schreiben, die zunächst kaum Begabung erkennen lassen. Er selbst sieht das anders: In der Kunst, so ist er überzeugt, habe er seine Berufung gefunden. Nachdem er im Dezember 1937 den Starschauspieler Gustaf Gründgens als Hamlet auf der Bühne gesehen hat, beschließt Borchert, Schauspieler zu werden und verfasst eine »wüste Tragödie« mit dem Titel Yorick, der Narr. Deren höhnisches Motto passt zu seiner Lebenshaltung: »Stürz ein, Welt! / es gibt der Narren zuviele!«. Im Dezember 1938 verlässt Borchert die Schule ohne Abschluss.

Buchhändlerlehre und Theaterzeit (1939-1941)

Am 1. April 1939 beginnt Wolfgang Borchert auf Vermittlung seiner Eltern eine Lehre bei der alteingesessenen Buchhandlung C. Boysen. Die Buchhandlung bietet Freiräume, wie sie nach sechs Jahren nationalsozialistischer Herrschaft nur noch selten existieren. Borchert liest viel, lernt die expressionistische Dichtung kennen, schreibt Gedichte und verfasst gemeinsam mit seinem Freund Günter Mackenthun eine diktaturkritische Komödie mit dem Titel Käse, die beide für einen genialen Wurf halten. Seine schwärmerischen Liebesbriefe und seine literarischen Texte zeichnet der Rilke-Verehrer mit Wolff Maria Borchert. Dass er in seinem Sendungs- und Selbstbewusstsein keine Rücksicht auf Konventionen nimmt, ruft schließlich die Gestapo auf den Plan: Die Geheimpolizei verhört ihn im April 1940 und durchsucht sein Zimmer nach staatsfeindlichen Notizen.

Von großer Bedeutung bleibt sein Traum vom Theater. In den Abendstunden und an den Wochenenden nimmt Borchert Schauspielunterricht bei Helmuth Gmelin, einem bekannten Spielleiter und Darsteller am Hamburger Schauspielhaus. Zum Jahresende 1940 bricht er schließlich seine Ausbildung zum Buchhändler ab und besteht im März erfolgreich eine Schauspielprüfung vor der Reichstheaterkammer. Unmittelbar danach bekommt Borchert, der Schiller, Goethe und Shakespeare spielen möchte, ein Engagement an der Landesbühne Osthannover, die ihren Sitz in Lüneburg hat und mit niederdeutschen Lustspielen durch die Kleinstädte in der Umgebung tourt. Nach anfänglichen Selbstzweifeln merkt er, dass ihm die Rolle als Komödiant liegt. Das »herrliche Vagabundenleben« an der Wanderbühne genießt er in vollen Zügen. Kurz vor dem Aufbruch zu einer Tournee ins besetzte Belgien holt ihn dann aber die Realität des dritten Weltkriegsjahres ein: Borchert wird im Juni 1941 zur Wehrmacht eingezogen und beginnt eine Ausbildung als Panzergrenadier in Weimar-Lützendorf.

Militär, Lazarett, Gefängnis (1941-1945)

Im September 1941 beginnt für Wolfgang Borchert, der während seiner Grundausbildung von seinen Kameraden massiv schikaniert worden war, der Transport an die Ostfront. Der erbarmungslose Winterkrieg bei Temperaturen von 40 Grad unter null findet später Eingang in seine Erzählungen. Im Februar 1942 kehrt Borchert mit einer Schussverletzung an der linken Hand von einem Patrouillengang zurück und wird im Heimatlazarett wegen des Verdachts auf Selbstverstümmelung festgenommen. Borchert wird zwar freigesprochen, in einem zweiten Verfahren aber wegen wehrkraftzersetzender Äußerungen verurteilt und nach sechs Wochen zur »Frontbewährung« entlassen.

Im Dezember 1942 ist er als Melder ohne Waffe wieder an der Ostfront im Einsatz. Mit Fußerfrierungen, Gelbsucht und Fleckfieberverdacht landet er Ende Januar 1943 im Seuchenlazarett Smolensk, wird im März in den Harz verlegt und schließlich in eine Genesungskompanie überstellt. Dort beantragt er eine Versetzung zur Schauspieltruppe der Wehrmacht. Am Abend vor seiner Entlassung legt Borchert allerdings einen leichtsinnigen Auftritt hin: Er parodiert vor seinen Kameraden den Propagandaminister Goebbels, wird denunziert, erneut angeklagt und im September 1944 zur »Feindbewährung« entlassen. Borchert muss zum Abwehrkampf in den Raum Frankfurt, wird dort von französischen Soldaten gefangengenommen. Er springt von einem Lastwagen, flieht und macht sich schwerkrank auf den Weg Richtung Hamburg.

Krankheit und Werk (1945-1947)

Unmittelbar nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht kehrt Wolfgang Borchert am 10. Mai 1945 nach Hamburg zurück. Er kommt bei seinen Eltern unter, die in Alsterdorf leben und die Bombenangriffe unbeschadet überstanden haben. Voller Tatendrang stürzt sich Borchert ins Kulturleben, das zwischen den Trümmern erwacht. Er knüpft Kontakte zu alten und neuen Bekannten, gründet ein kurzlebiges Theater mit, tritt im unpolitischen Kabarett Janmaaten im Hafen auf und wird als Regieassistent vom Schauspielhaus verpflichtet. Doch sein körperlicher Zustand lässt keine kontinuierliche Arbeit zu. Anfang November 1945 wird er ins Krankenhaus eingeliefert, wo er als medizinisch hoffnungsloser Fall eingestuft wird.

Auf dem Krankenhausbett schreibt Borchert sein erstes größeres Prosastück. Die Hundeblume erscheint als Zeitungsdruck im April/Mai 1946. Die Erzählung, in der ein zum Tode verurteilter Gefangener eine kleine Blume im Gefängnishof zum Objekt seiner Sehnsucht macht, überrascht durch einen bisher unbekannten Ton. Zurück zu Hause, ringt sich Borchert in den kurzen Fieberpausen weitere Erzählungen ab, die Themen wie Krieg, Heimkehr, Heimatlosigkeit, Einsamkeit, Lebens- und Liebeshunger, Familie und Kindheit behandeln.

Der endgültige Durchbruch folgt im Februar 1947: Im Nordwestdeutschen Rundfunk läuft Borcherts Heimkehrerstück Draußen vor der Tür und provoziert eine aufgeregte Debatte. Aus dem »Allesversucher und Nichtskönner« (Peter Rühmkorf) ist innerhalb weniger Monate einer der meistdiskutierten Schriftsteller Nachkriegsdeutschlands geworden. Borcherts Gesundheitszustand verschlechtert sich weiter. Im September 1947 tritt er in der Hoffnung auf bessere Behandlungsmöglichkeiten eine Reise in die Schweiz an. Eine Besserung bleibt jedoch aus. Am 20. November 1947 stirbt Wolfgang Borchert 26-jährig im Clara-Spital in Basel. Einen Tag später wird Draußen vor der Tür als Theaterstück in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt.